Der Schnüffler

Bei dieser Geschichte handelt es sich um eine Art Spin-off von BAT Boy, da sie zwar in der Welt von Lucas spielt, jedoch einen etwas anderen Protagonisten hat. Sie entstand durch einen Autoren-Wettbewerb, an dem ich - während ich noch an
"BAT Boy 1" schrieb - teilgenommen hatte. Dort ging es um einen Krimi mit Berlin-Bezug, und ich war der Meinung, dass ich das prima miteinander verbinden könnte.

 

Falsch gedacht. Ich hatte nämlich überhaupt nicht in Erwägung gezogen, dass gerade das Genre "Krimi" von ganz besonderen Stilmerkmalen geprägt ist, die ich sämtlich ignoriert hatte.

Herausgekommen ist ein Mini-Thriller mit leichtem Fantasy-Einschlag. Ich denke aber, er gefällt euch trotzdem.

 

'Ach ja, Winter in der Stadt kann auch schön sein', dachte Paul Franke, während er die Straße des 17. Juni entlang durch den leicht schneebedeckten Tiergarten fuhr.

Für viel mehr als eine einheitliche Weißfärbung reichte es in Berlin zwar meistens nicht aus – jedenfalls nicht in den letzten Jahren. Aber trotzdem wirkte dieses bisschen Weiß auf ihn angenehm beruhigend. Der alltägliche Verkehr auf den Straßen war – auch durch die glättebedingte Vorsicht der anderen Autofahrer – viel geruhsamer und überhaupt wirkte alles viel sauberer und frischer. Nicht einmal der leicht bedeckte Himmel, aus dem immer noch einzelne Schneeflocken zur Erde fielen konnte seine Stimmung trüben.

Am Brandenburger Tor schlug Paul einen Haken und fuhr dann am Alex vorbei in Richtung Osten. Als er stadtauswärts zuckelte, fragte er sich was er mit diesem schönen Tag noch anfangen sollte. 

 

Seine Frau war zusammen mit seinem Sohn auf einer Klassenfahrt in die Tiroler Alpen und eigentlich wartete zuhause keine besonders dringende Aufgabe auf ihn. Vielleicht sollte er sich einfach noch einmal schnell die Schlittschuhe anziehen und ein wenig auf dem See, der sich unweit des Hauses der Frankes befand, laufen gehen. Bestimmt waren noch genug andere auf dem See, die liefen oder Eishockey spielten. Diese Idee gefiel ihm ganz gut, denn er hatte nicht wirklich dazu Lust den ganzen Abend allein zu verbringen.

 

Als er schließlich in Richtung nach Hause abbog, war die Sonne bereits dabei unterzugehen. Paul genoss den Blick herunter von der hoch gelegenen Straße über die vom Frost gezuckerten Wiesen und Felder, die die drei vor ihm liegenden Seen umgaben. Wann immer er konnte benutzte er diesen Weg, um nach Hause zu fahren, denn der Blick über die Seen und Gärten ließ ihn jedes mal zufrieden schmunzeln. Hier war die Welt einfach noch in Ordnung.

 

Die Straße, die an den Seen vorbei führte, war ziemlich verschneit, denn sie wurde hauptsächlich von Anwohnern befahren, aber Paul benutzte sie trotzdem, denn er wollte im Vorbeifahren nachsehen, ob wirklich noch Schlittschuhläufer zu sehen waren.

 

Im nun einsetzenden Dämmerlicht wirkte die verschneite Landschaft zu beiden Seiten der schmalen Straße still und friedlich. Auf den zur Linken liegenden Grundstücken war keine Menschenseele zu sehen und auch die zur Rechten liegenden Bäume und Sträucher zogen stumm an seinen Autofenstern vorbei.

Paul lauschte den Klängen von Nat King Coles „Unforgettable“ und summte dazu leise vor sich hin, als mit einem Mal direkt hinter einer Linkskurve eine weiße Gestalt aus dem Gebüsch direkt vor seinen Wagen stolperte.

 

Instinktiv trat er auf die Bremse und riss das Steuer des Wagens herum, aber bei dem auf der nur schwach befahrenen Straße vorhandenen Schnee hatte dies nur einen unbefriedigenden Effekt: Das Fahrzeug stellte sich quer, erwischte die in das Scheinwerferlicht getaumelte Figur aber doch noch.

Ein dumpfer Schlag war zu hören und danach ein Knirschen als der Wagen an den seitlich am Fahrbahnrand als Begrenzung angebrachten Baumstämmen zum Stehen kam.

 

Paul atmete heftig aus. Sein Herz hämmerte wie verrückt in seiner Brust.

Wie konnte das passieren?

Was hatte diese... Moment, wer oder was war das eigentlich gewesen?

 

Er lugte vorsichtig aus dem Fenster auf die gekrümmt am Boden liegende Gestalt. Sie lag nicht mehr im Scheinwerferlicht, so dass sie nur als dunkles Bündel auf der schneebedeckten Straße zu erkennen war. Paul stellte den Motor des Wagens ab und stieg vorsichtig heraus. Er ging zu der Person und hockte sich neben sie, um nachzusehen wie stark er sie verletzt haben mochte. Nun konnte er sehen, um wen es sich handelte: Es war eine hübsche junge Frau und sie war nackt.

 

Als ihm diese Ungeheuerlichkeit bewusst wurde hob Paul sie ohne weiter nachzudenken hoch und brachte sie zum Auto. Die Frau stöhnte auf. Gut, dachte Paul bei sich, sie ist wenigstens nicht tot. Eigentlich konnte das auch gar nicht sein, denn er war mit seinem Wagen geradezu geschlichen, da er genau wusste wie glatt es auf dieser Straße sein konnte. Außerdem hatte er sie durch die Drehung, die der Wagen vollführt hatte, auch nur seitlich leicht touchieren können. Er lehnte sie kurz gegen den Wagen um die Tür zu öffnen, als die Frau die Augen aufschlug und scharf die Luft einsog.

 

„Bitte beruhige dich“, sagte Paul. „Ich weiß auch nicht wie das passiert ist, aber ich sorge dafür, dass es dir bald wieder besser geht.“

 

Sie schloss die Augen.

 

Die Tür war offen und Paul wollte sie gerade vorsichtig auf den Beifahrersitz bugsieren, als sie die Augen wieder aufriss und ihn anschrie: „Nein, ich will nicht! Lass‘ los!“

 

Dabei wehrte sie sich heftig mit den Händen und versetzte Paul im Gesicht einen Kratzer. Dann war es wieder vorbei: Sie ließ sich rückwärts in den Sitz sinken und saß dort zusammengekauert und zitternd.

Im Licht der Innenbeleuchtung sah Paul nun etwas, bei dem sich seine Eingeweide heftig zusammenkrampften: Sie war nicht nur nackt, sondern auch übersät mit Schnittwunden und blauen Flecken. An den Unterschenkeln und Armen befanden sich rote Striemen und von einem Handgelenk baumelte noch der Rest eines groben Stricks.

Paul schnürte ihn los und warf ihn angewidert in den Fußraum des Autos. Dann schnallte er die Frau fest und warf die Tür zu.

 

Er sprintete um den Wagen, das heißt er versuchte es, denn auf dem Glatteis rutschte er prompt aus und fiel auf seinen Hintern wobei er sich an der Hand, mit der er sich abzustützen versuchte, eine schmerzhafte Abschürfung zuzog. Schließlich war er im Auto und ließ sofort den Motor an, damit die Heizung der Frau ein wenig Wärme verschaffen könnte. Er setzte zurück und schaffte es auch zu wenden. Ihm war eingefallen, was er jetzt tun musste: Zum Glück gab es ganz in der Nähe ein Krankenhaus. Dort würde er sie hinbringen, denn hier in der Kälte auf das Eintreffen eines Rettungswagens zu warten wollte er ihr nicht zumuten. Durch den inzwischen wieder einsetzenden Schneefall fuhr er wieder zurück zur B1 und zur Rettungsstelle des Krankenhauses.

 

Es dauerte nicht lange und sie waren angekommen. Durch das nun dichte Schneetreiben bahnte sich Paul mit der Frau auf dem Arm den Weg zur Rettungsstelle.

Als er durch die automatisch öffnende Tür stolperte fing er sofort laut an zu rufen: „Kommt mal bitte jemand her? Hier ist eine verletzte Frau! Schnell, ich weiß nicht was mit ihr los ist!“

 

Aus einem Nebenraum, in dem sich vermutlich die Anmeldung befand, kam eine Frau, die, als sie die Hereingekommenen sah, mit schreckgeweitetem Blick sofort wieder Kehrt machte und verschwand. Man konnte sie aufgeregt sprechen hören und nur Sekunden später öffnete sich die Patientenschleuse. Heraus kamen Ärzte und Pfleger mit einer Rollliege. Sie nahmen Paul die Frau ab und betteten sie vorsichtig auf die Liege. Dann verschwanden sie alle durch die Schleuse wieder aus Pauls Blickfeld. Er selbst blieb etwas verdattert mitten auf dem Gang stehen.

Im Gehen drehte sich einer der Pfleger zu ihm um und sagte: „Setzen Sie sich mal da nach nebenan. Wir geben Ihnen dann bescheid.“ Dann war auch er verschwunden.

 

Paul wollte sich gerade umdrehen und in den Nebenraum gehen als ihn jemand am Arm berührte. Paul fuhr herum und sah in das Gesicht der Dame von der Anmeldung.

„Entschuldigen Sie, haben Sie vielleicht die Chipkarte?“

„Was?“

„Na die Karte... für die Behandlung. Ich weiß, das muss jetzt alles ganz schön viel sein...“

„Nein, keine Karte...“ antwortete Paul geistesabwesend. „Ich kenne sie eigentlich gar nicht weiter.“

„Ach so, na dann...“ sagte die Frau unsicher und ging wieder zurück zu ihrem Tresen.

 

Paul war durch die Frage etwas aus dem Konzept gebracht.

Was wollte er jetzt tun?

Ach ja, warten... Aber auf wen?

 

In seinem Kopf drehte sich alles. Dann besann er sich wieder und trottete in den Warteraum. Dieser war zwar nicht unbedingt bequem ausgestattet, aber immerhin gab es etwas zu trinken und sogar ein kleiner Fernseher war an einer Wand angebracht und flimmerte mit leisem Ton vor sich hin.

Paul setzte sich auf einen der Stühle und starrte eine Weile ins Leere. Auf der einen Seite fühlte er sich verantwortlich für die junge Frau, die jetzt dort irgendwo hinter dieser Tür behandelt wurde, aber was wusste er eigentlich über sie. Er kannte weder ihren Namen, noch wusste er woher sie gekommen war als sie ihm plötzlich vor das Auto lief. Es war einfach verrückt. Er schüttelte langsam den Kopf und wandte dann seinen Blick dem Fernsehschirm zu, auf dem gerade die Nachrichten zu sehen waren. Es gab allerlei Uninteressantes. Politik hätte ihn normalerweise zwar schon interessiert, aber in der momentanen Situation konnte er dafür nur wenig Aufmerksamkeit aufbringen. Er stand auf und ging zum Getränkeautomaten. Dort holte er sich einen Kaffee und setzte sich wieder hin. Er hob den Becher an die Lippen und war gerade dabei zu trinken, als er ihm plötzlich aus den Händen glitt und klatschend auf den Boden schlug.

 

Mit aufgerissenen Augen starrte Paul auf den Bildschirm, auf dem gerade das Bild einer jungen Frau in Großaufnahme zu sehen war. Aus dem Off ertönte die Stimme des Sprechers: „Mit großem Aufgebot sucht die Berliner Polizei zur Zeit nach Melanie Lückhoff. Die siebzehnjährige Hellersdorferin wird seit gestern Abend vermisst, als sie nicht von ihrem Sporttraining nach Hause zurückkehrte. Wie ein Sprecher der Polizei heute verlauten ließ besteht noch die Hoffnung, dass sie unversehrt wieder gefunden wird. Aus diesem Grund ergeht die dringende Bitte an die Bevölkerung, sachdienliche Hinweise entweder an die Polizeidirektion...“

 

Paul hörte nicht mehr zu. Das Kreisen in seinem Kopf hatte wieder begonnen. Seine Gedanken überschlugen sich: ‚Das ist sie! Sie lebt tatsächlich!‘

Aus seinem Hinterkopf meldete sich eine leise Stimme: ‚Bist du dir da so sicher?‘

‚Natürlich bin ich sicher‘, dachte er. ‚Ich hab‘ sie doch eben da abgeliefert.‘

‚Abgeliefert schon und da hat sie auch gelebt, aber ging es ihr denn wirklich gut?‘ 

Jetzt rede ich schon mit mir selbst‘, dachte Paul kopfschüttelnd. ‚Wird Zeit, dass ich mich ne Runde aufs Ohr haue. Für heute war das echt genug.‘

 

Sein stiller Dialog wurde durch das Läuten eines Telefons unterbrochen. Aus dem Anmelderaum, der sich schräg gegenüber auf der anderen Seite des Ganges befand, hörte Paul die Stimme der Frau, die ihn vorhin nach der Chipkarte gefragt hatte: „Ja? ... Ich glaube nebenan. ... Wie geht’s denn...? Mein Gott! ... Ja, ist klar. Das mach‘ ich. ... Ich pass‘ drauf auf.“

 

Paul, der um die Stimme besser hören zu können durch den Warteraum gegangen war und sich in den Gang gestellt hatte, lief es schlagartig eiskalt den Rücken herunter. Wenn er sich eben nicht getäuscht hatte, dann konnte das, was er gehört hatte nur eins bedeuten: Das Mädchen war gestorben! 

 

Sofort fing es in seinem Kopf fieberhaft an zu arbeiten: Wenn sie tatsächlich tot war, dann würde sie auch nichts dazu sagen können wie Paul sie gefunden und mitgenommen hatte. Aber in seinem Wagen würde man Spuren finden – Blutspuren. Und ein Stück Strick, mit dem sie – wo auch immer – festgebunden worden war. Und er hatte einen Kratzer im Gesicht und sah auch insgesamt ziemlich derangiert aus. Das war zuviel, er musste hier raus!

 

Ohne weiter nachzudenken drehte er sich auf dem Absatz um und ging schnell, aber ohne zu rennen, nach draußen. Der Schneefall war noch dichter geworden. Man konnte den Weg kaum noch von den angelegten Beeten unterscheiden. Paul schlug den Kragen seines Mantels hoch und machte sich mit gesenktem Kopf auf zu seinem Auto, das er weil die Schranke nicht offen gewesen war außerhalb des Krankenhausgeländes am Straßenrand geparkt hatte. Als er eben durch das Tor nach draußen gehen wollte, prallte er mit zwei Männern zusammen, die ihn wegen des Schnees wahrscheinlich ebensowenig gesehen hatten wie er sie.

„Sorry“, murmelte er und hörte einen ähnlichen undeutlichen Laut von den beiden.

Im Vorbeigehen hörte Paul plötzlich noch etwas anderes: „Nora1 für Nora12 kommen - PIEP“, tönte es aus der Hand eines der Männer, die weiter in Richtung Rettungsstelle gingen.

 

Fast wäre er ausgerutscht und der Länge nach hingefallen als er dies hörte, denn ihm wurde schlagartig bewusst, dass diese beiden Männer vermutlich seinetwegen gekommen waren. Aber Paul konnte sich eben noch so retten und zwang sich nun ruhig aber schnell zu seinem Wagen zu gehen. Er wollte einfach nicht mehr in der Gegend sein, wenn diese beiden bemerkten, dass der Grund für ihr Kommen wahrscheinlich gerade mit ihnen zusammengestoßen war. 

 

Der Polizeiwagen stand gleich um die Ecke – schräg gegenüber von Pauls Auto. In ihm befand sich noch ein weiterer Polizist, der mit eher gelangweiltem Gesicht aus dem Fenster schaute. Paul ging so schnell es möglich war zum Wagen und setzte sich hinein. Er startete den Motor und wollte umdrehen, damit er nicht am Polizeiwagen vorbeifahren musste. In diesem Moment kam allerdings von hinten ein Taxi angefahren und hielt direkt hinter seiner Parklücke. Da auch diese Straße ziemlich schmal war, hatte sich nun die Option umzudrehen erledigt und Paul versuchte nun wenigstens möglichst unauffällig am Polizeiwagen vorbeizukommen. Es schien zu klappen, denn der Beamte sah zwar in seine Richtung, wirkte aber trotzdem immer noch ziemlich gelangweilt.

 

‚Du siehst langsam schon Gespenster‘ , sagte er zu sich. ‚Woher soll denn irgendjemand, dem du auf der Straße begegnest, wissen was mit dir los ist?‘

Diese Erkenntnis beruhigte ihn ein wenig und er machte sich auf den Weg nach Hause. Er wählte wiederum den Weg an den Seen vorbei, insgeheim darauf hoffend, irgendetwas zu sehen, was ihm jetzt helfen könnte. Aber als er an die Stelle kam, wo ihn vorhin das Unglück ereilt hatte, musste er feststellen, dass der überraschend starke Schneefall der letzten Stunde alles, was auf der Straße an Spuren hätte zu sehen sein können mit einer weißen Schicht aus Vergessen bedeckt hatte. Kurze Zeit später war er zuhause angekommen und fuhr den Wagen in die Garage. Er ging schnell zum seitlich gelegenen Eingang in den Hauswirtschaftsraum und schloss sofort hinter sich die Tür. An die Tür gelehnt blieb Paul zunächst mit zitternden Knien stehen. Dann griff er sich eine Flasche Saft aus dem Regal neben ihm und begab sich in die Küche. Er brauchte jetzt unbedingt etwas zu trinken. Eigentlich wäre das zwar jetzt ein Fall für einen ordentlichen Schnaps, aber da er sonst fast nie etwas trank, wollte er nicht ausgerechnet in dieser brenzligen Situation damit anfangen. Paul setzte sich an den Küchentisch und knipste die Lampe darüber an. Um ihn herum war sonst alles dunkel, da die Zeitschaltuhr bereits dafür gesorgt hatte, dass alle Jalousien im Erdgeschoss heruntergefahren waren.

So saß er dann in der Stille und brütete dumpf vor sich hin.

Paul wusste nicht wie lange er so dagesessen hatte, als er plötzlich von draußen Geräusche hörte. Zuerst das Klappen von Autotüren und dann mehrere Schuhe, die sich knirschend ihren Weg durch den frisch gefallenen Schnee bahnten. Paul fragte sich zuerst, warum er diese Geräusche so gut hören konnte, aber dann fiel ihm ein, dass er am Morgen vergessen hatte das Küchenfenster zu schließen, so dass es noch angekippt war. Dann konnte er sogar Stimmen hören.

Die eine sagte: „Bist Du Dir sicher, dass wir hier richtig sind? Immerhin ist der doch nur kurz an Dir vorbeigefahren.“

„Mach Dir mal da keene Gedanken“, kam es von einer anderen Stimme zurück. „Det war der neue Honda und denn ooch noch in der Schlüpperfarbe. Sowat merk ick mir. Den Rest mit dem Kennzeichen macht Kollege Computer.“

Pauls Nackenhaare stellten sich schlagartig auf. Das stimmte! Er hatte tatsächlich einen neuen Honda gefahren; den Wagen seiner Frau, den sie aus einem unerfindlichen Grund ausgerechnet in einer Art Flieder-Metallic haben wollte. Das war’s nun also. Die Technik macht’s möglich. Wie in der Fernsehwerbung von dieser Computerfirma hatte ihn die moderne Verbrechensbekämpfung schon erwischt, bevor er auch nur ansatzweise die Chance gehabt hätte, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. 

 

Es klingelte.

Fieberhaft überlegte Paul, was er nun tun sollte: Sollte er rausgehen und sich unwissend stellen? Sollte er die Karten offen auf den Tisch legen und hoffen, dass sie ihm glauben würden? Oder sollte er lieber 'Toter Fisch' spielen, um auf diese Art und Weise wenigstens noch etwas Zeit zu schinden? Er entschloss sich für letzteres. Es wurde noch eine Weile geklingelt und auch gerufen, aber keiner der Polizisten kam bis an die Haustür – sie schienen alle am Gartentor stehen geblieben zu sein. War das nun ein gutes Zeichen? Würden sie nicht, wenn sie vermuteten, dass er der Täter wäre, doch Anstalten machen ins Haus zu gelangen? Paul wusste es nicht.

 

Das Telefon klingelte. Geistesabwesend griff Paul das Mobilteil, das neben ihm auf dem Küchentisch lag, und wollte gerade abheben, als ihm einfiel, dass das eventuell auch die Polizei sein könnte. Schnell legte er den Hörer wieder hin und starrte ihn mit einer Art von Furcht, die eine Maus beim Anblick einer schlafenden Schlange empfinden mochte, an.

 

Er hatte richtig getippt, denn nachdem das Klingeln schließlich aufgehört hatte hörte Paul von draußen wieder Stimmen.

„Is‘ wohl wirklich keiner da“, meinte eine. 

Der Kollege fragte: „Und nu‘? Wolln wir noch warten?“

„Warum nich‘. Die Schicht is‘ eh bald rum. Wenn noch’n Einsatz kommt, dann hauen wir ab.“

 

Paul atmete auf. Die Spuren des Wagens in die Garage hinein musste der anhaltende Schneefall wohl einigermaßen verwischt haben, denn sonst hätten sich die Polizisten sicherlich nicht mit Klingeln oder Telefonieren zufrieden gegeben.

Aber was jetzt?

Wie lange wollte er das noch durchhalten?

Wie lange würden die da draußen das noch durchhalten?

So lange, wie draußen noch Polizisten waren, konnte er nicht aus dem Haus. Aber er musste, soviel war klar. Hier drin war er nicht nur in der Falle, er hatte auch null Möglichkeiten an seiner misslichen Lage etwas zu ändern.

Inzwischen war Paul auch eingefallen was er machen wollte: Ein alter Kumpel aus der Oberschule, mit dem er sich immer noch von Zeit zu Zeit traf, war bei der kriminaltechnischen Ermittlung oder wie man das nannte. Karl kannte ihn auch lange genug, um ihn nicht von vornherein für einen Übeltäter zu halten.

Aber wie verdammt noch mal sollte er aus dem Haus kommen?

Anzurufen traute Paul sich nicht. Wer wusste schon, ob das Telefon inzwischen angezapft worden war. Oder vielleicht wollten die Polizisten ihn auch nur reinlegen. Vielleicht waren sie in Wirklichkeit doch leise über den Zaun geklettert und schlichen jetzt ums Haus, auf der Suche nach etwas mit dem sich Paul verraten würde.

 

Plötzlich kam ihm eine Idee,

Er musste sich im gleichen Augenblick noch daran hindern sofort loszustürzen, denn er wusste nicht wie gut die Wände seines Hauses Geräusche nach außen abschirmten. Leise stand er auf und schlich sich die Treppe hoch in das Zimmer seines Sohnes. Unter leisem Fluchen stöberte er in dessen Schreibtisch herum, denn er konnte ohne Licht kaum etwas sehen. Licht anschalten konnte er aber auch nicht, denn die Jalousien im Obergeschoss waren nicht automatisch und diese hier war nicht komplett herunter gelassen. Schließlich fand er was er suchte: Ein kleines Fläschchen mit Kapseln und einem Etikett auf dem so etwas wie ein Sicherheitshologramm von Banknoten zu sehen war. Dies hier zeigte allerdings keinen Banknotenwert, sondern eine schillernde und sich gegeneinander windende Doppelspirale.

 

Paul zögerte kurz und betrachtete das Fläschchen eindringlich – so als ob er sich von ihm eine Antwort auf die in ihm brennende Frage erhoffte: ‚Soll ich das jetzt tun? Habe ich genug Erfahrung dazu?‘

Dann schnaubte er energisch und verschloss das Fläschchen fest in seiner Faust während er sich vorsichtig wieder auf den Weg ins Erdgeschoss machte. Paul suchte sich sicherheitshalber den am weitesten vom Gartenzaun entfernt liegenden Platz im Haus für sein Vorhaben aus, denn er wusste nicht mehr genau, ob es Geräusche machen würde. Er hockte sich auf den Fußboden und schraubte das Fläschchen auf. Dann drehte er es um und schütte den Inhalt in seine geöffnete Hand.

Nichts geschah.

 

Wieder einmal krampfte Pauls Magen sich schmerzhaft zusammen. War’s das jetzt etwa schon wieder? Er schüttelte das Fläschchen ungeduldig und hörte es klappern. Also waren noch Kapseln darin, aber warum kamen sie nicht heraus? Paul hastete in die Küche und holte eine Mini-Taschenlampe aus der Schublade. Mit ihr begab er sich wieder zu dem Platz, wo er das Fläschchen hatte liegen lassen, hob es auf und leuchtete hinein.

Nun konnte er sehen, dass der Flaschenhals mit etwas verstopft war: Ein Stück Papier war in die Flasche gesteckt worden. Paul zog es heraus und stellte dabei fest, dass etwas darauf geschrieben stand.

 

Ganz oben stand – eingerahmt vom Biohazard- und Totenkopf-Symbol – der Satz: WARNUNG: Wer nicht weiß, was sich hier in der Flasche befindet HÄNDE WEG, das Zeug ist gefährlich!!!!

 

Ein Stück darunter stand noch etwas: 

‚Hallo Paps, na Lust auf ein bisschen Abwechslung von Alltagsleben? ;-) 

Alles klar, aber vergiss nicht 

-zieh dich aus

-denke fest an das, was es werden soll

-begib dich dabei in die Rückkehr-Position

Viel Spaß        Lucas‘

 

 

‚Braver Junge‘, dachte Paul. ‚Was würde ich nur ohne dich tun?‘ 

Er zog sich aus und legte sich nackt mit dem Rücken auf den Boden. Dann schüttete er drei der Kapseln in seine Hand. Er überlegte kurz und tat noch zwei dazu. Das Fläschchen versteckte er unter einem Sofakissen. Dann streckte er alle Viere in die Luft, schloss die Augen und konzentrierte sich auf ein Wort, das er immer und immer wieder in Gedanken wie ein Mantra vor sich hinsagte: 'Schäferhund – Schäferhund – Schäferhund – Schhh....'

 

Vor seinen Augen, die er, im dunklen Zimmer liegend, immer noch fest geschlossen hatte, fingen bunte Lichter an, sich zu bewegen und umeinander zu schlängeln. Paul hatte das Gefühl nach hinten zu kippen und dann wurde alles dunkel.

 

Er öffnete die Augen und fand sich in einer seltsam einfachen und doch komplizierten Welt wieder. Um ihn herum befanden sich lauter Dinge, die ihm zwar irgendwie vertraut erschienen, von denen er aber trotzdem nicht wusste was er damit tun könnte. Er schnüffelte an einem Licht herum, das auf dem Boden lag – es rollte weg und er versuchte es mit seinen Zähnen zu fassen zu bekommen.

Während er noch dabei war mit diesem lustigen Licht zu spielen meldete sich plötzlich eine Stimme in seinem Kopf: 'Paul, such‘ Karl! Such‘ Paul!''

‚Suchen, ja‘, dachte er und machte sich auf den Weg. Er wusste wie er am besten hier raus kam. Einmal um die Ecke und dann diesem Geruch nach Essen folgen. Da war eine Klappe. Durch die ging es nach draußen. Aber es roch hier doch so gut nach Essen.

Paul drehte sich um und suchte nach etwas, das er essen könnte, als er wieder diese Stimme – diesmal eindringlicher – hörte: ‚Nicht essen, Paul. Später. Jetzt Karl suchen. Such, Paul!‘

Widerwillig riss er sich von diesem Geruch los und zwängte sich durch die Klappe, die wohl eher für so ein Katzenvieh gedacht gewesen war. Oder für einen von seinen kleineren Brüdern. Dann war er draußen und sog die angenehm kühle Nachtluft ein. Er wusste wo Karl zu finden war. Der wohnte da hinten. Über den Zaun, durch den dahinter liegenden Garten, dann nach rechts, die Straße entlang und dann nach links. Noch ein Stück und er konnte das Haus sehen, in dem Karl wohnte.

 

Er sprang über den Zaun und lief zur Eingangstür. Dort setzte er sich hin und sah die Tür an. Vorsichtig kratzte er mit der Pfote daran und gab ein leises Jaulen von sich. Die Tür öffnete sich nicht.

Paul wollte gerade auf sich aufmerksam machen und ein wenig bellen, als er wieder diese Stimme in seinem Kopf hörte: ‚Brav, Paul. Guter Junge. Jetzt leg dich hin und spiel Toter Hund.‘

 

Paul legte sich auf den Rücken und streckte alle Viere in die Luft. Fast sofort spürte er ein Wirbeln in seinem Kopf und sah vor seinen Augen bunte tanzende Lichter. 

 

Dann wurde ihm schlagartig eiskalt. Paul sog erschrocken die Luft ein. Warum war ihm plötzlich so kalt? Erst jetzt realisierte er, dass er wieder eine menschliche Gestalt angenommen hatte und Menschen frieren nun mal wenn sie sich nackt bei Minustemperaturen im Freien aufhalten. Schnell sprang er auf und drückte zitternd auf den Klingelknopf. Nichts geschah. Voller Panik hämmerte Paul mit seinem Finger auf den Klingelknopf.

Das konnte doch nicht wahr sein. Es ging einfach nicht, dass Karl nun, da Paul es geschafft hatte an den Polizisten vorbeizukommen und hier frierend vor seiner Haustür stand, nicht da war.

Dann konnte er drinnen etwas rumoren hören. Jemand schaltete im Flur das Licht an und öffnete den Türriegel. Die Tür ging einen Spalt auf, und ein Schwall warmer Luft strömte an Paul vorbei. Durch den Spalt sah Paul seinen Freund Karl, der im Bademantel und mit einem mürrischen Gesicht dastand. 

„Sag‘ mal, hast du sie noch alle mich mitten in der...“ 

Karl brach ab, als sein Blick auf Pauls nackten Körper fiel. Sofort machte er die Tür auf und zog Paul ins Haus. Schweigend bugsierte er ihn ins Wohnzimmer, legte ihm eine dicke Decke um und drückte ihm ein Glas Brandy in die Hand. Paul wollte ablehnen, aber Karl schüttelte energisch den Kopf.

„Nein, trink jetzt. Ich weiß, dass du normalerweise nichts trinkst, aber so durchgefroren wie du bist brauchst du jetzt wenigstens einen Schluck!“

Paul tat wie ihm geheißen. Sofort machte sich eine angenehme Wärme in seinem Körper breit. Karl setzte sich vor ihm auf einen Hocker und sah ihm in die Augen. 

„So, und jetzt erzähl‘ mir die Geschichte. Ich bin schon gespannt. So wie du aussiehst wird das bestimmt interessant.“

Paul erzählte was ihm in den letzten Stunden widerfahren war. Als er geendet hatte sah Karl ihn mit großen Augen an und schüttelte den Kopf. 

„Mensch Junge, was machst du denn für Sachen? Du bist im Ernst auf der Flucht vor der Polizei? Und was war das für ein Mädchen? Ich versteh‘ echt nur Bahnhof.“

„Ich bin da auch nicht viel schlauer. Sie ist mir einfach direkt vors Auto gelaufen, so nackt wie sie war und alles. Ich dann mit ihr ins Krankenhaus. Kaum hab‘ ich sie abgeliefert, da seh‘ ich ihr Bild im Fernsehen und dann höre ich die Tante von der Anmeldung was von ‚Oh, Gott‘ erzählt. Also denke ich ‚Jetzt bist du dran‘ und haue einfach ab. Du musst mir helfen.“

„Scherzkeks. Wie soll ich denn das machen?“ 

„Na du bist doch schließlich bei der Spurensicherung oder wie das heißt. Vielleicht findest du irgendwas, das mich entlastet oder jemand anderen belastet. Ich kann doch nicht ewig untertauchen...“ 

Bei dem letzten Satz schwankte Pauls Stimme und seine ganze Anspannung brach sich Bahn.

Karl sah ihn einen Moment lang schweigend an. 

Dann sagte er: „Okay, ist gut. Ich glaub‘ dir ja. Pass auf, ich zieh‘ mich erst mal an, und dann gehen wir nachsehen. Du sagtest das war hier ganz in der Nähe?“ 

„Ja, Elsengrund in der Kurve“, murmelte Paul erleichtert.

 

Karl ging in die obere Etage und kam nach ein paar Augenblicken warm angezogen wieder zurück. Während er die Treppe herunterkam fiel ihm noch etwas ein. 

„Wie willst du jetzt eigentlich mitkommen? Du hast doch gar nichts anzuziehen. Oder willst du dich in meine Sachen einwickeln?“, fragte er und tätschelte dabei seinen beachtlichen Bauch.

Auf diese Frage war Paul vorbereitet gewesen. Er hatte sogar darauf gehofft. 

„Verdammt, ja!“, sagte er nun zerknirscht. „Mir fällt nur eine Variante ein. Ich habe momentan einen Hund in Pflege. Mit dem war ich vorhin schon mal nachsehen. Der weiß genau wo es ist und kann dir vielleicht mehr helfen als ich. Ich bin doch beim Spurensuchen total ahnungslos.“

Karl schüttelte belustigt den Kopf. „Sag‘ mal hast du eventuell noch was, das du mir erzählen willst? Zum Beispiel, dass mich ein Stern zum Tatort führen wird?"

Paul grinste verlegen. „Ich weiß, dass du es machst. Deshalb bin ich doch auch zu dir gekommen, mein Retter.“ 

Karl lachte auf.

„Okay, okay. Jetzt hör‘ auf mir Honig um den Bart zu schmieren. Ich geh‘ ja schon. Wo ist denn dein Hund?“

„Den habe ich draußen gelassen. Du brauchst nur zu rufen, dann kommt er.“

„Und was rufe ich?“ 

Paul zögerte.

„Rufe einfach Paul.“

„Das ist nicht dein Ernst“, lachte Karl. 

„Doch, das nervt mich auch schon, aber ich habe ihm den Namen ja nicht ausgesucht.“

Karl drehte sich kichernd um und machte sich daran die Schuhe anzuziehen. 

Paul suchte nach einer Ausrede: „Sag mal, macht es dir was aus, wenn ich mich bei dir im Gästezimmer ein bisschen hinhaue? Ich bin total fertig.“ 

„Hmmmm“, brummte Karl zurück, da er seine Handschuhe im Mund hatte während er sich die Schuhe zuband. 

 

Paul schlurfte in Richtung Gästezimmer, aber als er außer Sichtweite von Karl war hastete er in die Gästetoilette. Er öffnete schnell das kleine Fenster, das zum Garten hinausging und legte sich dann wieder einmal auf den Rücken. Er schloss die Augen und begann das Mantra von neuem: 'Schäferhund, Schäferhund, Schäferhund, Schhhh….'

Wieder begannen sich vor seinen geschlossenen Augen Lichter ineinander zu winden und er spürte die Veränderung, die mit seinem Körper vor sich ging. 

Es war geschafft: Paul der Schäferhund machte einen Satz durch das Fenster und landete im verschneiten Garten. In diesem Augenblick hörte er jemanden seinen Namen rufen. 

„Paul, hierher alter Junge.“ 

Ist gut Paul. Lauf zu Karl’, sagte die Stimme in seinem Kopf, und Paul lief los.

Er bog um die Ecke und sah Karl, der im Vorgarten stand und sich suchend umsah. Als er Paul erblickte wirkte er doch ein wenig erstaunt – fast so als ob er in Wirklichkeit nicht daran geglaubt hatte, dass ein Hund seinem Rufen folgen würde. Dann hockte er sich hin und gab Paul einen Klaps auf seine Flanke. 

„Weißt du wo ihr im Schnee gesucht habt vorhin?“, fragte Karl. 

 

Paul wusste was zu tun war, die Stimme in seinem Kopf hatte ihn vorbereitet. Er lief hinaus auf die Straße und drehte sich dann zu Karl um der noch etwas unschlüssig im Vorgarten stehen geblieben war. Dann entschied sich dieser dazu zur Garage zu gehen und sie zu öffnen. Er startete seinen Dienstwagen und fuhr aus der Einfahrt. Dann öffnete er für Paul die Heckklappe und ließ ihn auf die Ladefläche des Kombis klettern. Paul legte sich dort zwischen allerlei Taschen und Kästen hin.

 

Die Fahrt dauerte nicht lange. Karl parkte den Wagen ein Stück weit von der Stelle von der er vermutete, dass Paul sie gemeint hatte, denn direkt in der unübersichtlichen Kurve hätte er nicht parken können. Selbst jetzt – mitten in der Nacht – bestand immer noch die Möglichkeit, dass jemand mit seinem Wagen um die Kurve bog und dann mitten in das geparkte Auto fuhr. Sie gingen das Stück weiter auf der Straße und Karl leuchtete dabei mit der Taschenlampe, die er zusammen mit einigen anderen Utensilien aus dem Kofferraum des Wagens mitgenommen hatte. Dann kamen sie an die Stelle wo ein schmaler Weg mitten durch ein dichtes Gebüsch bis zur Straße führte und betraten ihn.

Paul brauchte keine Anweisung von Karl. Er suchte den Boden ab, denn die Stimme hatte es ihm gesagt.

Karl, der hinter Paul herging, fluchte dabei leise vor sich hin. Es klang so wie „Tolle Idee“ und „im Dunklen“.

Dann stieg Paul plötzlich ein Geruch in die Nase: Blut!

Sofort waren alle seine Sinne hellwach und er gab ein leises Winseln von sich, um Karl auf sich aufmerksam zu machen. Dieser schloss auch sofort zu ihm auf und hockte sich hin. Mit seiner Lampe leuchtete er den Boden ab und brummte dann anerkennend: „Hey, klasse gemacht. Das ist tatsächlich eine Spur.“  

„Hoffentlich gehört die nicht zu einem Kaninchen“, setzte er leise hinzu.

Paul schnaubte verächtlich. Als ob er den Unterschied zwischen Menschenblut und Kaninchenblut nicht erkennen würde. 

Sie folgten der Spur, die weg vom Weg hinein in dichteres Gebüsch führte. Dann öffnete sich um sie herum der Raum und sie befanden sich auf einer Art Lichtung im Unterholz mit einem Dach aus Zweigen.

Hier konnte man eindeutig - sogar im Licht der Taschenlampe - erkennen, dass etwas vorgefallen war: Der Boden war teilweise aufgewühlt und hie und da befanden sich weitere Blutspritzer auf dem nur schwach mit Schnee bedeckten Boden. Karl nahm Proben von dem was er fand und verschloss sie in Beuteln. Dann hörte er den Hund wieder leise winseln und ging zu ihm.

Paul stand an einem kleinen Baum, der am Rand der Lichtung wuchs. Dort war der Boden besonders aufgewühlt und als Karl den Boden genau absuchte fand er ein Stück eines groben Strickes, der teilweise rot gefärbt war, wahrscheinlich ebenfalls von Blut. Als er wieder aufstand, um auch dieses Beweismittel in einen Beutel zu stecken, hörte in der stillen Nachtluft ein leises knisterndes Geräusch, das irgendwie nicht zu diesem Ort passte. 

„Paul“, rief er leise. „Hörst du das? Such, Paul“ 

Und Paul suchte. Mit seinem feinen Gehör war es für ihn ein Kinderspiel, die Geräuschquelle zu finden. Es handelte sich um ein großes Stück Plastikfolie, das an einem Baum festhing und im Wind flatterte. Karl besah es sich im Licht seiner Lampe näher und stellte fest, dass es sich um die Verpackung einer Videokassette handelte. Auch dieses Stück wurde in einem Beutel verstaut.

Karl war mit seiner Ausbeute inzwischen schon recht zufrieden und überlegte ob sie sich nun wieder auf den Weg nach Hause machen sollten. Hier hatte eindeutig etwas sehr Eigenartiges stattgefunden. Von zuhause aus würde er dann seine Kollegen anrufen, damit sie den gesamten Ort ordentlich sicherten. Bei mehr Licht war sicherlich auch noch mehr zu finden. Er wollte dem Hund gerade das Zeichen zum Verlassen dieses Ortes geben als er Stimmen hörte, die aus der gleichen Richtung auf sie zukamen, aus der sie selbst eben gekommen waren.

Instinktiv bedeutete er dem Hund sich still zu verhalten, schaltete seine Lampe aus und zog sich mit ihm ein Stück ins Gebüsch zurück. Vor dort aus konnten sie die Eintreffenden beobachten, ohne selber gesehen zu werden.

„Mann, so ein Vollidiot!“, raunte eine Stimme unwirsch. „Erst lässte se abhauen und dann vergisst du ooch noch die Handschuhe. Jetzt sieh‘ zu, dassde se findest. Ick hab‘ keene große Lust hier noch weiter inner Kälte rumzulaufen. Die Auktion is‘ bald zu Ende.“

„Ja, sorry Alter. Ich hab‘ sie gleich. Is‘ doch gut, dass ich wenigstens noch dran gedacht habe, oder?“, sagte eine andere Stimme.

„Na unter jut versteh‘ ick was anderet. Da hätteste gleich dran denken sollen“, kam es zurück.

Ein tanzender Lichtschein bewegte sich auf Karl und Paul zu, die sich vorsichtig noch ein wenig weiter ins Gebüsch zurückzogen. Der suchende Lichtschein kam ihnen immer näher, und Karl hoffte, dass der Hund gut genug erzogen war, damit er sie beide nicht verraten würde. Etwa einen Meter vor der Stelle, wo sie sich am Boden zusammenkauerten, stoppte das Licht, und man konnte eine schattenhafte Gestalt sich bücken sehen. 

„Da, ich hab‘ sie!“, rief der Mann triumphierend. 

„Schhhhh!!!“, machte der andere. „Brüll hier nich‘ so rum! Mitten in der Nacht hört man doch jedet Wort. So, lass uns abhauen. Ick will sehen wer det wird. Warum haste die dämlichen Handschuhe eigentlich ausjezogen?!“

„Na ich musste doch die neue Kassette in die Kamera einlegen. Hast du schon mal versucht so‘ne Hülle von den Kassetten mit Handschuhen abzumachen? Und dann hatte sie sich plötzlich losgemacht und is' losgerannt. Da habe ich die Dinger eben vergessen.“

„Zum Glück haste wenigstens noch geschaltet und wieder angefangen zu filmen. Die Flucht war auch geil. Nur’n bisschen verwackelt.“

„Aber wo sie vor das Auto gerannt is‘ war doch wieder gut zu sehen. Der Clip bringt bestimmt ne Menge.“

„Ja, aber wir müssen sehen, dass det Ding heute noch wegjeht. Wer weiß ob die irgendwem wat jesteckt hat. Dann suchen die bestimmt bald danach.“

 

Die Stimmen waren schon wieder dabei sich zu entfernen. Karl saß völlig entgeistert über das, was er eben gehört hatte, auf dem kalten Boden und sah dem Lichtschein hinterher. Paul hatte das, was diese Menschen gesagt hatten nicht wirklich verstehen können, aber er nahm die Stimmung von Karl auf und begann leise zu knurren. 

„Ruhig Junge. Du hast recht“, flüsterte Karl ihm zu. „Los, wir gehen denen hinterher. Aber leise.“

 

Sie folgten den beiden Gestalten in einigem Abstand und bemühten sich dabei leise zu sein. Die Männer gingen den schmalen Weg entlang bis zur Straße wo sie abbogen und für ihre Verfolger plötzlich nicht mehr sichtbar waren. Karl musste sich daran hindern, in eine schnellere Gangart auszubrechen, da man dies vermutlich hören würde. Er hoffte darauf, dass sein Begleiter die Spur verfolgen könnte und tatsächlich bog der Hund unbeirrt ab. Er lief quer über die Straße auf eine weitere einmündende Straße zu wo er stehen blieb und auf Karl wartete. Der war kurz zu seinem Wagen gelaufen, hatte das Beweismaterial abgelegt und seine Dienstwaffe geholt. 

 

In einiger Entfernung konnten sie die beiden Männer gerade auf ein Grundstück gehen sehen. Sie schlichen hinterher und kamen schließlich bei dem Grundstück an, auf dem sich eine Art Wochenendhaus befand. Von drinnen fiel ein Lichtschein auf den schneebedeckten Garten.

Karl sah nachdenklich zu der Hütte hinüber. Dann traf er eine Entscheidung und holte sein Handy aus der Tasche. Er wählte die Nummer der Dienstbereitschaft des zuständigen Polizeiabschnitts. Zum Glück hatte Karl dort einige Bekannte, denn ansonsten würden die Kollegen ihn sicher auslachen.

Als sich jemand meldete gab er sich zu erkennen und fragte nach einem der bekannten Kollegen. Karl erzählte ihm die Geschichte der Verfolgung, wobei er auf den Hintergrund bewusst nicht einging, um Paul nicht ins Spiel zu bringen. Da dieser Kollege Karl Mey sehr gut kannte und wusste, dass man sich im Normalfall auf seinen Riecher verlassen konnte, gab er die Adresse sofort über die Funkleitstelle an eine in der Nähe befindliche Streife weiter. Sie würde in kürzester Zeit eintreffen. Karl antwortete, dass er solange warten und aufpassen würde.

 

Während sie noch auf die Ankunft der Streife warteten bemerkte Karl mit einem Mal, dass ein Wagen in die schmale Straße einbog und auf sie zufuhr. Er entschied blitzschnell, dass sie sich auf dem Grundstück verstecken würden, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Er kletterte schnell über den niedrigen Zaun und bedeutete Paul, ihm zu folgen. Dann schlichen sie zur Hinterseite der Hütte und spähten von dort aus um die Hausecke.

Der Wagen hielt direkt vor dem Grundstück. Zwei Männer stiegen aus. Sie kamen über den Weg direkt bis zur Vordertür der Hütte und klopften. 

„Kennwort?!“, kam es von drinnen. 

„Krreuzigunk“, ließ sich einer der beiden vernehmen. „Wirr komme wägän Auktsionn.“ 

Sofort wurde die Tür geöffnet und die beiden eingelassen. Karl manövrierte sich vorsichtig an eines der Fenster heran, um sehen zu können was drinnen vor sich ging. Die beiden Neuankömmlinge standen zusammen mit den anderen Männern um einen Computermonitor herum, auf dem offensichtlich gerade ein Film abgespielt wurde. Karl wurde bei dem Anblick übel. Es war das Mädchen, das Paul beschrieben hatte und mit ihr wurden schier unbeschreibliche Dinge angestellt.

Plötzlich flüsterte eine Stimme in sein Ohr: „Na, na, na, wer wird denn da lauschen?“ 

Karl zuckte zusammen. Er hatte so gebannt auf die Szene in der Hütte gestarrt, dass er nichts um sich herum bemerkt hatte. Auch dass der Hund leise knurrte hatte Karl nicht wahrgenommen. Er fuhr herum und blickte in das grinsende Gesicht eines Kollegen, der direkt hinter ihm stand. 

„Sorry für den Schreck, aber das wollte ich immer schon mal machen“, meinte er.

„Is‘ schon in Ordnung“, murmelte Karl und winkte ab.

„Tut mir auch leid, dass wir erst so spät kommen“, sagte der Kollege. „Wir mussten erst noch einen Staatsanwalt finden, der uns mitten in der Nacht einen Durchsuchungsbefehl genehmigt.“

 

Karl fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte also doch nicht alles vermasselt. Er berichtete dem Kollegen was gerade passiert war und danach ging alles sehr schnell: Die Hütte wurde umzingelt und dann sowohl die Vorder- als auch die Terrassentür eingetreten. Die vier Personen waren total überrumpelt, so dass sie kaum Widerstand leisteten und schnell abgeführt wurden. Die Spurensicherung fand auch in der Hütte diverses belastendes Material, so dass die beiden Männer nicht anders konnten, als die Tat zuzugeben.

Sie hatten die junge Frau zufällig getroffen, sie dann überwältigt und in die Hütte gebracht. Von dort hatten sie sie in die Lichtung im Gebüsch gebracht und dann ihre grausigen Taten an ihr gefilmt. Den Film hatten sie über das Internet versteigert, wo solche Reality-Gewaltvideos in bestimmten Kreisen sehr begehrt waren.

Die junge Frau war an den diversen Verletzungen zwar glücklicherweise nicht gestorben, sie lag jedoch im Koma, und die Ärzte wussten nicht, ob sie daraus wieder erwachen würde.

 

Das alles erfuhr Paul erst am nächsten Tag, als Karl ihn weckte und von der Suche und allem was danach gekommen war erzählte. 

 

Als Karl mit dem Hund am frühen Morgen wieder zuhause angekommen war hatte er sich zunächst überlegt, dass er diesen klugen Kerl ausnahmsweise mit ins Haus lassen würde. Der Hund war jedoch, kaum dass Karl die Heckklappe des Wagens geöffnet hatte, herausgesprungen und auf seinem Grundstück verschwunden. Karl hatte bei sich gedacht, dass er wohl kein 'Haushund' sei und war allein ins Haus gegangen. Drinnen hatte er bemerkt, dass es erstaunlich kalt war und bei dem Versuch der Kälte auf den Grund zu gehen war er schließlich in der Gästetoilette gelandet, wo es eiskalt war. Auch der Boden war seltsamerweise nass und schmutzig. Daraufhin hatte er beschlossen Paul zu fragen, aber als er diesen schlafend auf der Couch im Gästezimmer fand – völlig nassgeschwitzt – da hatte er es auf sich beruhen lassen und war selbst schlafen gegangen. Im Einschlafen dachte er, dass Paul wahrscheinlich den Alkohol nicht vertragen hatte und deswegen auf der Toilette nachdem er sich hatte übergeben müssen noch frische Luft gebraucht hatte.

 

Im Gästezimmer drehte Paul sich auf den Rücken, sah zufrieden aus dem Fenster und dachte:

Als Schnüffler mache ich mich doch eigentlich ganz gut. Vielleicht sollte ich den Beruf wechseln.‘

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© Christian Raabe